04/11/2022
Catcalling
"Die australische Reporterin Eleanor Gordon-Smith untersuchte in den 2010er-Jahren Interaktionen in Kings Cross, New South Wales, und stellte fest, dass Männer, die Frauen belästigten, es nicht nur genossen, Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern darüber hinaus den Eindruck hatten, den Frauen würden die Andeutungen und Gesten der Männer ebenso gefallen. So unterstellten sie den Frauen, ihnen zu helfen, sich zu amüsieren, oder dass die „Komplimente“, die sie über ihr Aussehen machten, geschätzt würden. Frauen hingegen empfanden das Verhalten der Männer vielmehr mehrheitlich als erniedrigend und wünschten, sie könnten es vermeiden. Zudem befürchteten sie, dass die Situation eskalieren und es zu einem körperlichen Angriff kommen könnte. Gordon-Smith fand heraus, dass Frauen sich durch Catcalling unter Druck gesetzt fühlten, mitzuspielen und so zu tun, als würden sie die Aufmerksamkeit genießen. Sie täten das jedoch nur, um die Situation zu deeskalieren, d. h. aus Angst vor der Reaktion, die ihre ehrliche Reaktion hervorrufen könnte. Ihre ehrliche Einschätzung der Situation ist, dass sie sich belästigt und nicht wertgeschätzt, sondern auf Sexualobjekte reduziert fühlen. Aus diesem Grund würden sie sich gern möglichst umgehend aus der Situation befreien und den Belästigenden aus dem Weg gehen. Anstelle dessen erfahren sie, dass Belästigende ihnen ihre Wahrnehmung der Situation aufzwingen: Sie sollen die Bedrohung ebenso als Spaß empfinden wie die Belästigenden. Belästigende machen sich also den Zwang nicht klar, den sie auf diejenigen, die sie belästigen, ausüben. Sie reden sich somit ihr Verhalten schön und distanzieren sich emotional von denjenigen, die sie belästigen."
Sexuell anzügliche Bemerkungen gegenüber völlig fremden Frauen (oder auch Männern) sind in jedem Fall als sexuelle Belästigung zu werten, weil man eben ohne Kontext nicht im Geringsten wissen kann, was das Gegenüber dabei empfindet.